Dunkirk – 27.07.2017

Eins ist für mich völlig unbestritten: „Dunkirk“ von Christopher Nolan ist einer der Filme dieses Jahres, über den nachzudenken und zu sprechen sich lohnt. Denn er hat mich sehr beeindruckt. Den Mut, in diesem Film vieles anders zu machen als im Genre „Kriegsfilm“ erwartet wird, spüre ich in so gut wie jeder Sequenz. Es geht Nolan in diesem Film nicht um die Nacherzählung von Kriegsgräueln oder dem Hochhalten patriotischer Ideale. So bleibt der Feind ein gesichtsloser Gegner, eine unterschwellige, permanente Bedrohung, die aber nie persönlich wird.

Die Radikalität von Nolans Film lässt sich für mich an drei Eckpunkten festmachen:

  1. Keine Historie

Die historischen Fakten zur Schlacht um Dünkirchen sind weitgehend bekannt und aufgearbeitet. Die offenen Fragen, beispielsweise warum der deutsche Vormarsch gestoppt wurde, bleiben eine Kontroverse und der Film versucht auch gar nicht, hier eine Erklärung zu liefern. Christopher Nolan reduziert die historischen Fakten sogar noch weiter. Die offensichtliche Möglichkeit, die Flucht über den Ärmelkanal als logistische Meisterleistung der britischen Armee darzustellen, lässt er aus. Auch die moralische Frage zum Thema Kriegsverbrechen oder wie der Angriff auf fliehende Soldaten zu werten ist lässt er beiseite. Er will keinen Weltkriegsfilm machen, obwohl er der erste Film von ihm ist, der eindeutig einer Zeit zuzuordnen ist. (Batman / Inception / Memento / Interstellar – sie alle stehen weitestgehend neben Zeit und Realität)

 

 

  1. Kein persönliches Schicksal

Wenn das umgebene Szenario so groß ist, wie die Schlacht um Dünkirchen, dann ist es ein beliebter Kniff, das Einzelschicksal mit seinen ganz persönlichen Nöten und Wünschen in den Vordergrund zu rücken. Ein Beispiel ist die Möglichkeit, die Erinnerungen anhand von Rückblenden darzustellen und damit die Figuren aus dem aktuellen Kriegsgeschehen herauszuholen und als Mensch jenseits des Soldaten erkennbar zu machen. Ein Mann, der auf einer Farm gelebt hat, verheiratet ist und Kinder hat. Da fällt es deutlich leichter, mitzufühlen warum der Weg nach Hause so wichtig ist. (Beispiele: Der Soldat James Ryan / Gefährten)

Doch „Dunkirk“ verweigert sich hier. Es gibt drei Perspektiven auf die Kriegstage und in allen drei Fällen bleiben wir als Zuschauer ausgeschlossen. Wir erleben die Kriegshandlungen aus einer dramatischen Nähe. Nolan lässt den Zuschauer so dicht es möglich erscheint an die Handlungsorte heran, ohne den Menschen eine fühlbare Nähe zu geben. Der Wunsch, in Sicherheit zu gelangen und gleichzeitig die Pflicht als Soldaten zu erfüllen: beide Antriebe werden in „Dunkirk“ zu einer generalisierten Motivation aller Beteiligten zusammengefasst.

  1. Keine chronologischen Abläufe

Im Interview mit der NY Times erklärte Schauspieler Cillian Murphy “It’s, ‘We know you’re as clever as us, and we know you can keep up.’” Das Publikum sei schlau genug, die Abläufe zusammen zu kriegen. Genau nach dem Prinzip funktioniert „Dunkirk“. Nicht nur, dass hier die zeitlichen Abläufe aus ihrer Chronologie gerissen werden. Darüber hinaus stimmen nicht einmal Längen der zeitlichen Abschnitte überein. Der Film schildert gleichberechtigt die Perspektiven des Fußsoldaten wie des Kampfpiloten. Und das, obwohl der Fußsoldat „Dunkirk“ eine Woche erlebt und der Kampfpilot nur eine Stunde. So gehen zeitliche Zusammenhänge und Abfolgen immer wieder im Kino verloren, und werden neu im Kopf des Betrachters zusammengesetzt. Ein erstaunlicher Moment. Vor allem für einen Kriegsfilm, in dem in der Regel die Spannung durch das klassische Aktion / Reaktion-Schema entsteht: Rückt der Feind vor, steigt die Dramatik bei den Verteidigern. Gibt es Hilfe für die Verteidiger, wird es für die Angreifer schwieriger.

Der radikale Bruch von Christopher Nolan mit der Zeitebene ermöglicht es, die Dramatik der Schlacht von den Einzelaktionen zu trennen. Wenn nicht mehr entscheidend ist, wer was wann tut, dann wird die dramatische Gesamtlage umso bedeutender. Dieser Schritt gelingt in „Dunkirk“ wirklich außerordentlich beeindruckend.

 

Mein Fazit

Ich mag radikale Ansätze. Mich begeistern mutige Regisseure, die ihren Zuschauern auch etwas abverlangen. Die Kameraarbeit, die Musik und die Dramaturgie von „Dunkirk“ sind sicher ein Highlight dieses Kinojahres. Gar keine Frage. Allerdings bleibt für mich eine Frage offen: Was will der Film mir eigentlich sagen? Er warnt nicht vor den Gräueln des Krieges. Menschen sterben in „Dunkirk“ selten und wenn, dann meist in einer anonymen Gruppe. Fühlbar ist der Schrecken kaum.

Er ist allerdings auch kein patriotischer Heldenfilm. Weder zelebriert er einen möglichen Einzelkämpfermythos, noch beweihräuchert er die historisch wichtige Rettungsleistung der Briten. Er sagt hingegen: Wenn du im Krieg bist, dann schau, dass du heil rauskommst und das Richtige oder zumindest das Notwendige tust. Mir ist das zu wenig. Denn der Film hat für mich eine resignierte Grundhaltung. So nach dem Motto: Es gibt einfach schlimme Zeiten und der einzelne Mensch kann daran sowieso nichts ändern. Also mach das Beste daraus. Ich könnte mir vorstellen, dass die Veteranen der Schlacht um Dünkirchen die Zeit rückblickend so empfinden. Aber für einen Kinofilm reicht es mir nicht aus. Denn dann stellt sich sofort die Frage: Warum sollte ich mir diesen Film anschauen? Nicht, weil er eine Botschaft hat – sondern weil er brilliant erzählt ist.

 

Bildrechte: Warner Bros. Pictures

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten ab 20.07.2017

„Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ist für mich wie ein Kopfsprung vom 10 Meter-Turm. Zumindest fühlt es sich für mich genauso an.

Während ich also im Geist die Stufen zur Sprungplattform hochklettere, frage ich mich, warum der Turm eigentlich so hoch ist. Also zuallererst natürlich, weil Luc Besson mit „Das fünfte Element“ vor 20 Jahren ein Film gelungen ist, der bis heute beeindruckt und mich nicht loslässt. (Ja, ich freue mich darauf den Film am 10.08.2017 noch einmal remastered im Kino zu sehen.)

Und natürlich, weil ich die Comics kenne. Weil diese französische Zukunftsvision so ganz anders als „Star Wars“ und „Star Trek“ funktioniert. In diesen beiden Sci-Fi Universen erscheinen die Alien Spezies oft nur als Kulisse für die menschlichen Akteure. Sie erzwingen Handlungen, sind aber selten Teil von ihr. Valierian fühlt sich hingegen anders an. Hier sind die unterschiedlichen Aliens Teil des menschlichen Universums. Valerian und Laureline bewegen sich völlig natürlich in diesen unglaublichen Umgebungen. Eine Leistung, die Luc Besson schon mit „Das fünfte Element“ geglückt ist. Für mich ist Valerian die liebevolle Variante einer Zukunft, die ich durchaus gerne erleben würde.

 

 

Das alles soll in „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ jetzt zusammenkommen und eventuell sogar noch besser werden? Dieser Sprungturm wird immer höher und höher und ich denke mir, der Kinobesuch kann eigentlich nur mit einem ziemlich heftigen Aufschlag enden. Denn diese Erwartungen sind doch kaum zu erfüllen, oder?

 

So springe ich ab. Warte, während es im Kino dunkler wird, auf den Aufschlag. Und tauche ein in ein bildgewaltiges Universum. Was ich vorher dachte und befürchtete, was ich mir erhoffte und was ich mir gewünscht habe, das ist vergessen. Denn „Valerian“ ist eine Welt für sich, die sich so vollständig und einzigartig anfühlt, dass ich gar nicht mehr auftauchen will. Ich lasse mich mit Valerian und Laureline treiben. Ich treffe Kreaturen, die mir aus den Comics nur zu bekannt vorkommen und die sich wie alte Bekannte anfühlen.

Ich folge den beiden Hauptcharakteren staunend durch Alpha. Immer wieder möchte ich innehalten, stehen bleiben und länger zuschauen. Naja, hier spricht wohl auch der Valerian-Comic-Nerd aus mir. Aber ich bleibe dabei. Das Universum ist toll.

Dann komme ich wieder an die Oberfläche. Das Licht im Kino geht an. Und während ich im Wasser vor mich hin dümple, atme ich tief durch und frage mich: Wie unterscheidet sich das, was ich erlebt habe von meinen Erwartungen? War es anders, als ich es mir auf den Stufen zum Turm vorgestellt habe? Aber sicher! Denn Erwartungen lassen sich selten im Kino erfüllen. Das Erlebnis ist dennoch großartig.

Allerdings gibt es auch zwei kleine Haken. Wobei einer der beiden mir nicht so viel ausmacht. Aber zuerst zum einzigen echten Manko des Films: Die Story ist eher dünn und bietet wenige Wendungen oder Herausforderungen. Die Bösewichte könnten so auch aus dem Fünften Element stammen. Schon nach wenigen Minuten ist klar, gegen wen es wirklich für Valerian und Laureline geht. Luc Besson bietet hier wenig Neues. Weniger schlimm: Der Film müsste eigentlich „Laureline – Die Stadt der tausend Planeten“ heißen. Denn Cara Delevingne macht einen hinreißenden Job. Es ist ihr Film und sie füllt die Szenen mit einer Mischung aus Anmut, Selbstbewusstsein und Energie, dass es eine wahre Freude ist. Der eigentliche Namensgeber des Filmes, gespielt von Dane deHaan, bleibt hier deutlich zurück. Ich habe mich bis zum Ende gefragt, was Laureline eigentlich an ihm findet. Nun, sie wird es wissen.

Eine Frage bleibt für mich übrig: Ist „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ das von mir erhoffte Meisterwerk? Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich noch einmal den Sprung vom 10er gewagt habe. Wenn die überwältigende Bilderflut nachlässt. Erst dann werde ich wohl verstehen, ob Luc Besson hier etwas Besonderes geschaffen hat. Also, eintauchen will ich in diesen Film auf jeden Fall noch einmal.

 

 

 

 

Bildrechte: Universum Film (Valerian) / Tobis (Das fünfte Element)