Bullyparade – Der Film  17.08.2017

Es erscheint mir albern und absurd beim Film der Bullyparade über Storyline oder gar Dramaturgie zu schreiben. Darum ging es schon in der Sketch-Serie nicht. Darum ging es beim „Schuh des Manitu“ nicht. Auch nicht bei „(T)Raumschiff Surprise“ oder bei „Lissi und der wilde Kaiser“. Das hier ist ganz klar „WYSIWYG“, um es mit einem Begriff aus den Neunzigern zu sagen. (What You See Is What You Get) Der Zuschauer bekommt genau das, was angekündigt wird: Eine verlängerte Version der Bullyparade, die in ihrem Herzen den neunziger Jahren treu geblieben ist.

Schon nach wenigen Minuten stellt sich daher dieses Gefühl der Nostalgie ein. Die aus den bisherigen Filmen und der Fernsehserie bekannten Figuren sind alle mit dabei: Die Indianer genauso wie die Raumfahrer. Und natürlich bekommen auch die österreichische Kaiserin und ihr Ehemann einen gebührenden Auftritt und die dazugehörigen Gags. Genau so wird es angekündigt und genau so kommt es im Film auch.

Allerdings hat dieses Konzept für mich auch einen Haken: Was auch immer in dem Film passiert: Ich konnte mich nie des Eindrucks erwehren, es so – oder zumindest ganz ähnlich – schon mal bei Bully gesehen zu haben. „Bullyparade – Der Film“ ist für mich wie ein Kaugummi, auf dem ich schon ein wenig zu lange herumkaue. Ich erinnere mich noch an den Geschmack, aber so langsam wird es fade. Und so lässt auch der Film immer ein kleines Stück mehr nach. Gerade die Raumschiff-Episode hat ihre Längen und ist an vielen Stellen nur noch ein Wiederkäuen bekannter Dialoge und Erzählmuster.

Das soll jetzt nicht zu negativ klingen. Nichts anderes verspicht der Film ja. Es ist die Bullyparade als Film mit den dazu passenden Gags und Anspielungen aus den Neunzigern. Der Film ist mit viel Liebe und großer technischer Brillanz umgesetzt. Das hat Michael Herbig wirklich erstklassig hinbekommen. Aber am Ende fehlt die Auflehnung gegen die filmischen Originale und der respektlose Umgang mit deren Klischees. So bleibt es bei „WYSIWYG“. Ein Spaß für all diejenigen, die ungefähr vor 1985 geboren wurden.

 

 

Bildrechte: Warner Bros. Pictures

Emoji – Der Film – 03.08.2017

„Wie zur Hölle konnte dieser Film entstehen?“ – Das war meine einzige Frage, als der Abspann von „Emoji – Der Film“ durch war. Ich schaute geradezu Fassungslos auf die schwarze Kinoleinwand. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Es kann nur so gewesen sein.

Frühjahr 2015, Los Angeles

Langsam geht die Sonne über Kalifornien unter. Ein heißer Tag, der ohne Klimaanlage im Büro kaum zu ertragen ist, geht zu Ende. Wer kann, verzieht sich aus den Sony Animation-Studios und geht zum Strand. Ein typischer Tag in dieser legendären Filmstadt geht zu Ende. Während im Schatten des Hollywood-Signs Schauspieler von ihrem Durchbruch träumen und Drehbuchautoren Zeile um Zeile in ihre Skripte hacken, kriechen langsam dunkle Schatten durch die Straßen der Stadt. Denn Unheil wird im Schatten geboren. Und so bemerkt niemand diesen einen, noch beleuchteten Besprechungsraum der Sony Marketingabteilung. Die fünf Menschen, die hier in noblen Ledersesseln an einem breiten Konferenztisch sitzen, sind hoch bezahlt, gut gebräunt und völlig verzweifelt. Sie haben keine Lust mehr. Kein Interesse mehr daran, sich mit Regisseuren auseinanderzusetzen oder Ideen zu haben und diese umzusetzen. Sie wollen nur eins: Einen kommerziell richtig erfolgreichen Film. Billig gemacht. Teuer verkauft.

„Scheiße, das muss doch möglich sein!“, entfährt es einem der Anwesenden.

Die Ärmel seines Hemdes sind ein wenig aufgekrempelt, damit die Apple-Watch auch richtig zur Geltung kommt.

„Wir sind doch clever und wir haben genug Geld, um jeden Mist zu vermarkten.“

„Da muss ich wiedersprechen“, verkündet die blondierte Mitdreißigerin mit der provokant auf dem Konferenztisch abgestellten Handtasche aus recyceltem Stoff mittelamerikanischer Kaffeesäcke. „Unser Output in den Key-Märkten Asiens ist im Vergleich zu unserer Prognose nicht im Target-Bereich.“

Alle übrigen Teilnehmer stöhnen.

„Und mein Arsch ist zu breit für den Bürostuhl. Wen juckt’s“, murmelt halblaut der Typ, den alle nur Paul nennen. Warum das so ist? Daran kann sich hier keiner erinnern. Paul war schon immer hier. Und alle nannten ihn schon immer Paul. Seine Geschichte in der Company ist so alt, dass sie demnächst als Steelbook auf Bluray neu veröffentlicht wird, witzelt er immer wieder gerne. „Mir gehen die alle auf den Sack.“

„Gut, das musste wohl mal gesagt werden. Aber damit haben wir für den Sommer 2017 immer noch keinen Blockbuster für Kinder und Jugendliche unter 15 mit einem hohen Einkommen aus mittel- bis unterdurchschnittlich gebildeten Familien“, sagt der Typ mit der Smartwatch. Wenn er nicht weiterweiß, sagt er immer sowas.

Und immer antwortet Paul: „Wir hätten den „Lego-Film“ machen sollen. Habe ich euch gesagt. Oder zumindest „Alles steht Kopf“. So Pixar-Kram halt. Oder „Zootopia 2“. Verdammt. Ich habe es euch gesagt.“

„Ja hast du!“ – der Chor der übrigen Marketingabteilung. Die Leier kennen sie jetzt schon seit Tagen.

„Und das hätte in den Key-Märkten auch exzellent funktioniert. Die Asiaten lieben das“, ergänzt die Handtaschenbesitzerin.

Die Tür zum Konferenzraum fliegt auf. Herein kommt der einzige Anzugträger der Runde. Auf eine Krawatte hat er verzichtet. Schließlich ist er Teamplayer und kreativ. Seine Begrüßung fällt deutlich enthusiastischer aus, als die Situation es verlangen würde. „Gott war das geil!“ Alle wissen was er meint. Und außer ihm findet es keiner geil. „Ich war gerade auf dem Klo.“ Wissen auch alle. Schließlich hat er erst vor wenigen Minuten den Raum verlassen. „Hammer Idee gehabt. Echt jetzt. Hammer!“ Er redet wie ein aus der Kontrolle geratener Twitter-Bot. Das passiert ihm danach immer, wenn er nur mal kurz zur Toilette musste. Wissen auch alle.

„Mir ist gerade mein Samsung ins Waschbecken gefallen.“

„Damit hast du dann auch das nächste Projekt versenkt, oder?“, sagt der Apple Watch-Typ.

Alle lachen. Anzugträger war früher bei Disney. War keine Erfolgsgeschichte.

„Nein, du Genie. Ich glotze so auf das Display im Waschbecken und denke mir. Wie cool ist das denn? So bunte Bilder und wir alle kennen die schon und niedlich und kostenlos ist es auch. Das wäre ein geiler Film!“

Schweigen.

„Das ist eine beschissene Idee. Tron-Head.“ Ist natürlich Paul, der das offensichtliche ausspricht.

„Moment, das ist gar nicht schlecht. Wir haben eine weltweite Nutzung von Smartphones und damit bereits einen entscheidenden „Point of Interest“. Wenn wir dann die Early-Adopters mit ihren technikaffinen Influencern berücksichtigen … dann ist das ein Winning-Feature. Und ich rede hier noch gar nicht über den After-Sales-Merchandise-Kick“, erklärt sie, während ihre Finger mit ihrer Handtasche spielen.

Zustimmung aus der Smartwatch-Ecke: „Fuck! Sie hat recht.“

Das ist natürlich gelogen, denn eigentlich ist es ihm egal. Vor wenigen Minuten hat ihm seine Apple-Watch dezent signalisiert, dass Gwen aus der HR-Abteilung in der ersten Etage auf ihn wartet. Daher will er ein Ende dieses Meetings. So schnell wie möglich. Notfalls kann er die Beschlüsse ja morgen wieder verwerfen. Dafür lässt sich immer ein Grund finden. Ist ja nicht das erste Projekt, dass mit fadenscheinigen Argumenten beerdigt würde. Also signalisiert er Unterstützung: „Ein Handy-Film – super!“

„Lame … sowas wie dieser Siri Film? Funktioniert nicht.“ Paul mal wieder.

„Nein … so ein App-Film“, sagt Anzug. „Und jeder der darin vorkommen will, kann sich einkaufen. Wir produzieren einfach einen Film und lassen die Figuren dafür bezahlen, dass sie drin vorkommen. So, als ob Tom Hanks uns Geld gibt, damit er mitmachen darf.“

Die Handtaschen-Lady ist kurz vor der Schnappatmung vor Begeisterung. Unbemerkt hat sie ihr I-Phone herausgefischt und rechnet und kalkuliert. „Das ist so big! Wir haben den Film finanziert, bevor überhaupt irgendein Zuschauer im Kino war. Eine völlig neuer Business-Case. Und wir machen das auch unter dem Diversity-Aspekt mit Frauenrechtlern und Asiaten und Humor. Das kommt groß in den Zielgruppen. Das ist soo big!“

Schweigen.

Alle sehen sich an.

Damit hatte keiner gerechnet.

Denn in allen reift gleichzeitig die Erkenntnis, dass dieser Mist tatsächlich funktionieren könnte. Einen Film zu machen ohne einen Film machen zu wollen. Den Zuschauer einfach wegignorieren, weil er gar nicht mehr nötig ist um die Gewinnzone zu erreichen. Der Traum einer jeder Marketingabteilung in Hollywood.

„Apps haben zu wenig Emotionen.“ Paul mal wieder.

Alle sehen sich an und denken das Gleiche: Er hat recht. Das will sich wirklich keiner ansehen. „Also kein Tom Hanks, der für seine Rolle bezahlt. Schade. Wäre schön gewesen“, sagt der Typ mit der Apple-Watch, welche in diesem Moment dezent vibriert. Auf dem Display: „Kann es kaum abwarten, dich zu sehen.“ Und dann dieses gelbe Comic-Gesicht mit den beiden Herzen als Augen. Er betrachtet die Zeile und hat eine Idee.

„Paul, du hast recht. Aber was wäre, wenn wir statt Apps diese Smileys durch das Smartphone wandern lassen. So von einem Tom Hanks zum nächsten. Dann können wir viel mehr Apps unterbringen.“

„Die heißen Emojis, du digitaler Steinzeitmensch. Aber ja, das klingt geil. Genauso machen wir das. Das Ding schreibt sich fast von selbst. Da brauchen wir nicht mal ein gutes Drehbuch oder tolle Einfälle. Die Emojis laufen einfach in dem Smartphone umher. Und wir nennen den Film auch einfach: Emoji – Der Film“, sagt Anzug.

„Ich stelle mal einen Content-Liste zusammen. Wir fragen einfach im Valley nach, wer genug Geld für sowas hat. Das ist genau im Target-Bereich. Super.“ Freut sich Handtasche und macht sich Notizen.

„Bin so gut wie unterwegs!“ Textet der Watch-Typ. Dann wendet er sich an die Versammelten: „Wow, so machen wir das. Alles Weitere können wir ja morgen auf die Schiene bringen. Bin stolz auf uns!“ Erklärt er der Runde, greift sein Sakko und verlässt den Raum.

Dieses Startsignal haben auch Paul und die Lady mit der recycelten Handtasche verstanden. Auch sie brechen sofort auf. Anzug geht noch kurz aufs Klo. Alle wissen warum, aber keiner sagt was.

Zurück bleibt der sanft von Neonleuchten ins rechte Licht gerückte Leuchttisch, vier leere Konferenzstühle und eine einzelne Gestalt. Sie löscht das Licht und blickt auf die nächtliche Straße vor dem Büro. Sie lächelt.

Sollte zufällig in diesem Moment ein Passant genau zu diesem abgedunkelten Bürofenster aufgeblickt haben, er hätte die Person am Fenster wahrscheinlich nicht erkannt. Er hätte nur zwei glutrote Augen gesehen, die triumphierend in die Nacht von Los Angeles blicken.

 

So … oder zumindest fast genauso muss es gewesen sein. Anders ist dieser Film für mich nicht zu erklären.

 

 

Bildrechte: Sony Pictures