Sicario 2 – 18.07.2018

Es gibt kein Gutes im Bösen

Verdammt, ich habe ein echtes Problem mit diesem Film – und zwar ein moralisches. Denn dort, wo der Vorgängerfilm noch ethische Grundsätze auf die dreckige Wirklichkeit des Drogenkrieges treffen ließ, dort findet sich bei Sicario 2 nur noch Leere. Keiner der Helden hinterfragt, was sie tun. Sie machen es einfach. So absurd unmenschlich und zutiefst rücksichtslos es auch ist. Gewaltausbrüche bringen die Figuren nicht mehr in eine moralische Zwickmühle oder stellen einen letzten Ausweg dar. Sie gehören einfach dazu.  Mord, Schießereien und Verstümmelungen sind ein zu akzeptierender Teil der Geschichte und somit jenseits aller Ethik. Dieser Film entzieht sich einer Bedeutung und betrachtet nur die reine Abfolge von Ursache und Wirkung. Mir ist das viel zu wenig. Gerade, wenn Regisseur und Produzenten für sich in Anspruch nehmen, den großartigen ersten Teil fortsetzen zu wollen.

Jenseits der Moral

Wem es gelingt – mir leider nicht so – die moralische Schieflage dieses Filmes hinzunehmen, der bekommt wirklich sehr gut gemachte Action mit zwei großartigen Hauptdarstellern geboten. Hinzu kommt, dass mir das Setting rund um die Grenze zwischen den USA und Mexico sehr gefällt. Ich mag die Aufnahmen der Wüste, wenn in dieser Einsamkeit die Sonne untergeht. Ich bin wirklich begeistert von der Einsamkeit und Erbarmungslosigkeit dieser Gegend und davon, wie alle Figuren dadurch noch härter und unbeugsamer wirken. Sicario 2 lebt von der Landschaft und nutzt sie visuell beeindruckend aus.

Was mir gefällt

Wie gut mir die Landschaftsaufnahmen gefallen, das habe ich ja gerade schon gesagt. Darüber hinaus gibt es einen großartigen Soundtrack. Er vermeidet es, Songs und Melodien zu offensichtlich in den Film einzubetten. Stattdessen gibt es eine unterstützende Soundmalerei, die immer die Schauspieler oder die Landschaft als Inspiration zu haben scheint. Das ist wirklich ausgesprochen gelungen. Regie und Schauspieler? Sie machen das, was sie sollen. Sie inszenieren sich selbst als amoralische Kämpfer in einer Region, in der Flüchtlinge wie Vieh behandelt werden. Das passt in den Film und ist stimmig.

Was mir nicht gefällt

Ich fange jetzt nicht schon wieder mit der Moral-Keule an. Selbst wenn es mir auf der Zunge liegt. Aber nein, was ich schmerzlich vermisse ist vor allem eine Darstellerin: Emily Blunt hat dem ersten Film extrem gutgetan. Sie war der Gegenpol zu der Testosteronschau der Männer. Und dieser Gegenpol fehlt jetzt völlig. Sie wurde auch nicht ersetzt. Frauen kommen in diesem Film nur am Rande vor. Als Stichwortgeber oder Entführungsopfer. In dieser Macho-Trump-Welt gibt es offensichtlich für Zwischentöne keinen Platz. Mist, dann bin ich doch schon wieder moralisch geworden. Sorry.

Story

Kurz gesagt: Der Film funktioniert. Vor allem, wenn man zu spät ins Kino geht und die ersten 10 bis 15 Minuten verpasst, weil es an der Getränke- und Popcorn-Theke länger gedauert hat. Der gesamte Anfang kann einfach weg. In die Tonne. Denn er macht keinen Sinn, er bedeutet für den Film nichts und spielt weder für die Figuren noch für die Entwicklung der Geschichte eine Rolle.

Alles was danach kommt, ist routiniert bis gut erzählt. Die Spannung ist an jeder Stelle greifbar und die Härte und Physis der Figuren kommt sehr gut zur Geltung. Was keiner erwarten sollte sind spannende Wendungen oder überraschende Enthüllungen. Die Politiker sind ängstlich und dämlich. Die Helden brutal und durchsetzungsstark. Die Opfer sind weinerlich und verängstigt. Das war es.

Fazit

So funktioniert es für mich nicht. Einen Film über Flüchtlingselend, Menschenschmuggel und Drogenkartelle zu machen und dann moralisch völlig zu versagen. Das Schicksal von tausenden zu einer Kulisse zu degradieren und stattdessen eine absurde Motivation für Schießereien in Mexico zu liefern. Das ist für mich einfach zu wenig. Wie es anders geht, beweist der großartige Film „No Way Out“. Auch mit Josh Brolin in der Hauptrolle. Aber Sicario 2 ist für mich einfach nur gescheitert.

 

 

 

Bildrechte: Studiocanal

 

 

 

 

 

 

 

Christopher Robin – 16.08.2018

Erinnere Dich an die guten Zeiten, bevor Du sie vergisst!

Ich habe mich gefragt, wann ich mich zuletzt so gefühlt habe, wie nach diesem Film. Wann und wo war mein Herz gleichzeitig so begeistert und doch tief melancholisch. Und dann fiel es mir wieder ein. Zuletzt habe ich mich so gefühlt, als ich mich gestern auf meine Bank im Flur gesetzt habe. Denn dort sitzt seit Jahren schon mein alter, gelber ziemlich gerupfter Teddybär. Meine Schwester hat ihn als Kind auf dem Jahrmarkt gewonnen und mir geschenkt. Seitdem ist er bei mir. Ein Stück meiner Kindheit.

So, genau so fühlt sich Christopher Robin für mich an. Ein melancholisch-freundlicher Ausflug in eine vergangene Zeit.

Disney Familienfilm und melancholisch – geht das überhaupt?

Es ist vielleicht eine komische Frage. Aber darf ein Familienfilm eine andere Stimmung haben als glücklich und fröhlich? Meistens sind diese Filme ja geprägt von fröhlichen, lustigen und herzensguten Figuren. Die Landschaften sind bunt und das Ende ist stets gut. Umso überraschter war ich von der Grundstimmung von „Christopher Robin“. Denn hier geht es nicht um glückliche Kindertage, sondern um die Melancholie eines Erwachsenen, der seine Kindheit im Spiegel der Erinnerungen wiederentdeckt. Dem Pu der Bär nicht die verspielte Kindheit zurückbringt, sondern tragisch vor Augen führt, was er verloren hat.

Ich mag den Ansatz. Mir gefällt diese Sichtweise auf die Vergangenheit, weil sie nicht verklärt oder glorifiziert, sondern eher beschreibt, welchen Preis wir für das Erwachsenwerden zahlen.

 

Was mir gefällt

Zuallererst natürlich die Animation von Puuh, Tigger, I-Aah und Ferkel. Es ist wirklich hinreißend schön zu sehen, wie sich die Stofftiere verhalten. Denn sie imitieren nicht die Realität, sondern rutschen von Stühlen und schwimmen im Wasser wie Stofftiere. Genau so, wie es mein Teddybär damals in der Badewanne gemacht hat. Und Ewan McGregor gelingt es großartig, sich als Erwachsener in diese Stofftiergruppe einzufügen. In ihm brennt immer der Funken, der ihn Kind sein lässt und der durch seine Arbeit in London fast erloschen ist. Das macht wirklich Spaß.  

Was mir nicht gefällt

Jetzt wo ich versuche es zusammen zu schreiben fällt mir auf, dass ich eigentlich keine wirklichen Kritikpunkte finde. Mich hat die Stimme von Puuh dem Bär ein wenig gestört. Aber nur anfänglich. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass auch Bären älter werden und man das hört. Bei meinem Teddy ist das Fell auch schon abgewetzt und die Nähte halten nicht mehr wirklich.

Story

Es ist natürlich ein wenig schade, dass die hinreißende Freude der Zeichentrickversion von Puuh es nicht in diesen Film geschafft hat. Der honigliebende Teddy als bester Freund des jungen Christopher Robin. Das ist hier Jahre her und fast vergessen. Wer sich darauf einlassen kann und nicht enttäuscht ist, der wird von einer erstaunlich differenzierten Zeichnung der menschlichen Figuren überrascht sein. Die Story schildert erwachsen sein nicht als Bedrohung oder Abstumpfung, sondern eher als eine zwangsläufige Evolution jedes Menschen. Und Christopher Robin ist auch erwachsen ein guter Mann. Er fühlt sich gespalten in seinem Wunsch, für seine Familie und für seinen Kollegen da zu sein. Er verliert das Verspielte durch sein Verständnis für Verantwortung. Das macht diese Story wirklich außergewöhnlich. Dabei bleibt die Geschichte in ihrer Struktur allerdings immer familiengerecht. Ein erstaunlicher inhaltlicher Spagat der hier gut gelingt.

Fazit

Aus diesem Film bin ich nicht jubelnd herausgekommen. Ich bin nach Hause gefahren und habe mich neben meinen gelben Teddy auf die Bank im Flur gesetzt. Und das war schön und ein wenig traurig zugleich. Dass ein Kinderfilm diese Tiefe auslöst und ein solch starkes Gefühl mitgibt, ist wirklich erstaunlich. Das macht Christopher Robin zu einem besonderen Film für mich.

 

 

 

Bildrechte: Disney Pictures Germany