Captain Marvel – 07.03.2019

„If you want something said, ask a man; if you want something done, ask a woman.”

Margaret Thatcher

Mein allererster Reflex, als ich von Captain Marvel gehört habe war dieser: „Bitte, bitte nicht noch ein Superheldenfilm. Ich habe keine Lust mehr auf Filme über Comic-Helden aus den unbekannteren Vororten des Marvel-Universums!“ Und seit Spiderman ist die Geschichte immer gleich: Typ hat vorher keine Superheldenkräfte. Dann entdeckt er, dass er auf einmal welche hat. Zum Schluss prügelt er sich mit einem Superschurken und gewinnt. Das dauert in der Regel über 120 Minuten und am Ende ist die Erde gerettet.
So ähnlich funktioniert auch Captain Marvel. Aber eben nur so ähnlich und nicht genauso. Und das macht den großen Spaß an diesem Film aus. Nicht nur weil die Heldin eine Frau ist. Sondern auch, weil die Story des Films anders aufgebaut ist.

Was ist anders bei Captain Marvel? Ich gebe mal ein Beispiel: Bisher gab es lediglich zwei Sorten von Filmen aus dem MCU (Marvel Cinematic Universe). Entweder kämpften Helden, wie in der Avengers Filmreihe, auf der Erde gegen Schurken. Oder die Schlachten wurden wie bei Thor oder Guardians of the Galaxy, am anderen Ende des Universums ausgetragen. Der wirklich neue Twist bei Captain Marvel ist, dass die Erde erstmalig fast völlig unwichtig ist. Sie ist ein Schauplatz für Duelle und Schlachten, aber weder die Menschen noch die Zukunft des Planeten motiviert die Heldin. Noch nie fühlte sich der Planet so unwichtig an und noch nie waren die Hauptfiguren so desinteressiert an Kollateralschäden. Captain Marvel benimmt sich wie eine Touristin, die weiß, dass sie bald wieder weg ist.

Was mir gefällt

Ganz klar: der Film ist einfach herrlich differenziert erzählt und Brie Larson ist eine wunderbar Superheldin. Sie ist eine selbstbewusste Heldin, die während des Films immer menschlicher und verständlicher wird. Sie ist ein Superheld, der in sich den Menschen entdeckt. Die als gefährliche Alien-Kriegerin beginnt und am Ende eine Frau ist, zu deren Fähigkeit es halt gehört aus ihren Händen Energiestrahlen abzuschießen. Soweit sowas halt menschlich und normal sein kann. Mir hat außerdem gut gefallen, dass dieser Film keine offensichtliche feministische Agenda hat. Captain Marvel ist eine Frau. Und das reicht. So wird viel Platz für einen richtig guten Film geschaffen.

Was mir nicht gefällt

Das ist wirklich wenig. Das Einzige, was mich tatsächlich gestört hat, war die Retro-Verliebtheit der Filmemacher. Ich finde es auch sehr amüsant aus heutiger Superheldensicht auf die 90er Jahre zurückzublicken. Es ist wirklich sehr lustig, wenn Captain Marvel mit den ersten Computern und den Anfängen des Internets konfrontiert wird. Aber irgendwann ist dann auch gut. Und nicht alle Szenen müssen mit „dem Besten der 90er“ unterlegt werden. Hier ist Captain Marvel für mich manchmal ein Stück über das Ziel hinausgeschossen.

Story

Natürlich ist es ein Superheldenfilm und natürlich geht es um die Anfänge von SHIELD. Also wird auch alles bedient, was der Fan erwartet. Es gibt alle notwendigen Charaktere inklusive Nick Fury. Es gibt bombastisch inszenierte Schlachten und dramatische Verfolgungsjagden. Doch Captain Marvel ist nie eine Wiederholung. Immer dann, wenn ich befürchtet habe zu wissen wie es weiter geht, ändert sich die Struktur der Story. Immer wenn ich dachte: Ja klar, so muss es sein, dann kam es anders. Dabei steht die emotionale Geschichte der Hauptfigur vor dem Klamauk und vor den Effekten. Eine für Marvel sehr ungewohnte Herangehensweise, die aber wunderbar funktioniert.

Fazit

Nicht nur in der Marvel-Timeline beginnt alles mit Captain Marvel. Für mich ist Captain Marvel auch insgesamt eine der gelungensten Interpretationen des Comic-Universums. Die Kombination aus überraschender Storyline, einer beeindruckend menschlich agierenden Hauptdarstellerin und einem reduzierten Action-Gewitter funktioniert toll. Für mich einer der besten MCU-Filme.

Bildrechte: Disney Pictures Deutschland

Christopher Robin – 16.08.2018

Erinnere Dich an die guten Zeiten, bevor Du sie vergisst!

Ich habe mich gefragt, wann ich mich zuletzt so gefühlt habe, wie nach diesem Film. Wann und wo war mein Herz gleichzeitig so begeistert und doch tief melancholisch. Und dann fiel es mir wieder ein. Zuletzt habe ich mich so gefühlt, als ich mich gestern auf meine Bank im Flur gesetzt habe. Denn dort sitzt seit Jahren schon mein alter, gelber ziemlich gerupfter Teddybär. Meine Schwester hat ihn als Kind auf dem Jahrmarkt gewonnen und mir geschenkt. Seitdem ist er bei mir. Ein Stück meiner Kindheit.

So, genau so fühlt sich Christopher Robin für mich an. Ein melancholisch-freundlicher Ausflug in eine vergangene Zeit.

Disney Familienfilm und melancholisch – geht das überhaupt?

Es ist vielleicht eine komische Frage. Aber darf ein Familienfilm eine andere Stimmung haben als glücklich und fröhlich? Meistens sind diese Filme ja geprägt von fröhlichen, lustigen und herzensguten Figuren. Die Landschaften sind bunt und das Ende ist stets gut. Umso überraschter war ich von der Grundstimmung von „Christopher Robin“. Denn hier geht es nicht um glückliche Kindertage, sondern um die Melancholie eines Erwachsenen, der seine Kindheit im Spiegel der Erinnerungen wiederentdeckt. Dem Pu der Bär nicht die verspielte Kindheit zurückbringt, sondern tragisch vor Augen führt, was er verloren hat.

Ich mag den Ansatz. Mir gefällt diese Sichtweise auf die Vergangenheit, weil sie nicht verklärt oder glorifiziert, sondern eher beschreibt, welchen Preis wir für das Erwachsenwerden zahlen.

 

Was mir gefällt

Zuallererst natürlich die Animation von Puuh, Tigger, I-Aah und Ferkel. Es ist wirklich hinreißend schön zu sehen, wie sich die Stofftiere verhalten. Denn sie imitieren nicht die Realität, sondern rutschen von Stühlen und schwimmen im Wasser wie Stofftiere. Genau so, wie es mein Teddybär damals in der Badewanne gemacht hat. Und Ewan McGregor gelingt es großartig, sich als Erwachsener in diese Stofftiergruppe einzufügen. In ihm brennt immer der Funken, der ihn Kind sein lässt und der durch seine Arbeit in London fast erloschen ist. Das macht wirklich Spaß.  

Was mir nicht gefällt

Jetzt wo ich versuche es zusammen zu schreiben fällt mir auf, dass ich eigentlich keine wirklichen Kritikpunkte finde. Mich hat die Stimme von Puuh dem Bär ein wenig gestört. Aber nur anfänglich. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass auch Bären älter werden und man das hört. Bei meinem Teddy ist das Fell auch schon abgewetzt und die Nähte halten nicht mehr wirklich.

Story

Es ist natürlich ein wenig schade, dass die hinreißende Freude der Zeichentrickversion von Puuh es nicht in diesen Film geschafft hat. Der honigliebende Teddy als bester Freund des jungen Christopher Robin. Das ist hier Jahre her und fast vergessen. Wer sich darauf einlassen kann und nicht enttäuscht ist, der wird von einer erstaunlich differenzierten Zeichnung der menschlichen Figuren überrascht sein. Die Story schildert erwachsen sein nicht als Bedrohung oder Abstumpfung, sondern eher als eine zwangsläufige Evolution jedes Menschen. Und Christopher Robin ist auch erwachsen ein guter Mann. Er fühlt sich gespalten in seinem Wunsch, für seine Familie und für seinen Kollegen da zu sein. Er verliert das Verspielte durch sein Verständnis für Verantwortung. Das macht diese Story wirklich außergewöhnlich. Dabei bleibt die Geschichte in ihrer Struktur allerdings immer familiengerecht. Ein erstaunlicher inhaltlicher Spagat der hier gut gelingt.

Fazit

Aus diesem Film bin ich nicht jubelnd herausgekommen. Ich bin nach Hause gefahren und habe mich neben meinen gelben Teddy auf die Bank im Flur gesetzt. Und das war schön und ein wenig traurig zugleich. Dass ein Kinderfilm diese Tiefe auslöst und ein solch starkes Gefühl mitgibt, ist wirklich erstaunlich. Das macht Christopher Robin zu einem besonderen Film für mich.

 

 

 

Bildrechte: Disney Pictures Germany

 

 

 

The Florida Project – 15.03.2018

in the backyard of dreams

Erlaubt mir bitte ein paar Vorbemerkungen bevor ich zum Film komme. Denn um meinen Zugang zu „The Florida Project“ beschreiben zu können, will ich ein paar Sätze zu der wohl künstlichsten Stadt der USA und ihren Freizeitparks sagen.

Die Philosophie der großen Freizeitparks in Florida ist eigentlich ganz einfach. Hier ist es sonnig, hier ist es entspannt, hier gibt es keine Probleme. Und Orlando ist die Hauptstadt dieses Freizeitparktourismus. Alleine Disney World in Orlando hat jährliche über 20 Millionen Besucher. Für sie gilt das Werbemotto des Maus-Konzerns „the happiest place on earth“. Für die Mitarbeiter gilt dieser Slogan übrigens nicht. Schon eine Tätowierung kann dazu führen, bei Disney keinen Job zu kriegen. Darum geht es in „The Florida Project“. Um die Menschen, die in Orlando scheitern.

Natürlich ist „The Florida Project“ keine Dokumentation. Und doch verschwimmen die Grenzen immer wieder. Denn vieles ist in Orlando bereits wie eine Filmkulisse designt und gebaut. So entstehen reale Orte, an denen Menschen eher stören, wenn sie nicht als Touristen in der Stadt sind. Das Motel des Films existiert wirklich. Und es ist wirklich lila und wie eine Burg designt. Magic Castle Motel Orlando Ein farbenfroher Ort völliger Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit für die Hauptfiguren. Eine Welt, die Urlauber lieber nicht wahrnehmen und kennenlernen wollen.

 

Story

Es ist ein gewagter Sprung, den die Drehbuchautoren hier verlangen. Sie zwingen die Kinobesucher hinzusehen, sich im Hinterhof der glitzernden Unterhaltungsindustrie Floridas umzusehen. Es geht darum, genau den Teil zu betrachten, den Touristen lieber ignorieren. Und diese Ignoranz ist durchaus berechtigt, so wie der Film seine Story erzählt. Denn hinter der Fassade gibt es keine Märchen die gut ausgehen. Der Film ist fast völlig frei von Hoffnung. Stattdessen prägt ihn ein emotional brutaler Realismus. Für keine der Figuren gibt es etwas zu gewinnen. Es gibt keine Hoffnungen auf sozialen Aufstieg. Es gibt keine Teilhabe an den Versprechungen der Freizeitparks. Was bleibt ist nur die Chance, Florida zu überleben. Und diese trüben Zukunftsaussichten werden von einer Generation am Rande des Elends zur nächsten weitergereicht.

 

Regie und Schauspieler

Bis auf Willem Dafoe hat Regisseur Sean Baker ausschließlich unbekannte Jungschauspieler besetzt, die bisher kaum in Filmen zu sehen waren. Diese Entscheidung unterstützt natürlich den schleichenden Übergang zwischen Fiktion und möglicher Realität. Die Handkamera ist dabei dokumentarisch immer dicht an den Protagonisten dran. Schnell entsteht der Eindruck, dass die Schauspieler hier unaufgeregt ihre Lebensgeschichte verkörpern. Selbst Dafoe fügt sich als Hausmeister des Motels so nahtlos ein, dass es zumindest vorstellbar ist, ihn bei einem Urlaub im Magic Castle tatsächlich beim Reparieren der Eismaschine anzutreffen. Es gibt kaum große Gesten. Kaum theatralische Höhepunkte und nur eine einzige, dramaturgische Zuspitzung. Und gerade diese unaufgeregte Erzählweise macht den Film zutiefst besonders.

 

 

Fazit

Der Film macht es seinen Zuschauern nicht leicht. „The Florida Project“ sträubt sich gegen die Vorgaben und Mechanismen der Unterhaltungsindustrie wie sie in Orlando zelebriert wird. Hier gibt es keinen Wettstreit, kein: höher – schneller – weiter. Und gerade diese nüchterne Erzählweise macht diese ausweglose Trostlosigkeit der Protagnisten so beeindruckend. Allerdings setzt der Film auch einiges voraus. Wer bisher keinen Kontakt zu dieser Freizeitpark-Scheinwelt hatte, der wird die Geschichten der Motel-Bewohner auch nicht so schockierend empfinden. Wer die glitzernde Seite kennt, der wird von diesem schäbigen Hinterhof umso mehr beeindruckt sein. Mich hat der Film noch lange beschäftigt.

 

 

 

 

Bildrechte: Prokino