Mord im Orient-Express – 09.11.2017

Mord im Orient-Express kommt für mich genau zur richtigen Zeit. Die nostalgische Zugfahrt zwischen Istanbul und London ist wundervoll anzusehen. Das Ensemble dieses Films ist so hochkarätig, dass es Spaß macht. Und der Schnurrbart von Hercule Poirot ist so unglaublich, dass ich kaum wegschauen konnte. Da ist es für mich schon nebensächlich, dass der Kriminalfall rund um den Mord im Zug natürlich bekannt ist.

So liegen die Überraschungen in diesem Film nicht in der Dramaturgie, sondern in der großartigen Ausgewogenheit zwischen den Darstellern. Vor allem die aus Star Wars bekannte Daisy Ridely fügt sich großartig ein. Hier zeigt sie, welches schauspielerische Potential jenseits von Lichtschwertern in ihr steckt. Auch Tom Bateman als moralisch zweifelhafter Lebemann und Direktor der Eisenbahngesellschaft ist in jeder Szene begeisternd. Auch die übrigen Mitreisenden im Orientexpress wie Judi Dench, Willam Defoe und Michelle Pfeiffer haben mich voll überzeugt. Nur bei Kenneth Branagh fällt mir das Lob ein wenig schwer.

Dabei bin ich eigentlich ein großer Fan von Branagh. Ich mag viele seiner Filme. Von „Viel Lärm um Nichts“ bis hin zu „Thor“. Aber im Orient Express hat er es für mich übertrieben. Er produziert den Film, führt Regie und ist der Hauptdarsteller. Die Konsequenz auf dieser Zugfahrt: Es kreist sehr viel um ihn und seine Hauptfigur. Er setzt sich mit Auftritten und Monologen gerne in Szene. Doch leider verliert er dabei den Kriminalfall ein wenig aus den Augen. Mein größtes Rätsel während des Filmes: Ist dieser Bart wirklich echt? Oder angeklebt? Oder digital nachbearbeitet?

Das Kenneth Branagh bei Mord im Orient-Express gerne digitale Effekte einsetzt, ist schon in den ersten Minuten des Filmes zu erkennen. Ob die historischen Stadtansichten von Jerusalem oder Istanbul oder die Außeneinstellungen des fahrenden Zuges. Es wirkt oft eher wie ein Videospiel als ein Kinofilm. Es ist schon fast zu farbig, zu detailliert und zu dramatisch. Es sieht wundervoll aus und ist doch nur Kulisse. Denn eigentlich interessiert, was im Inneren des Zuges vor sich geht.

Genau hier beginnt die eigentliche Schwäche des Films. Denn die tollen Darsteller und die beeindruckenden Aufnahmen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dramaturgie des Filmes nicht im gleichen Maß mithalten kann. So ist das typische Agatha Christie Gefühl „Wer ist der Mörder?“ kaum vorhanden. Ich wollte auch gar nicht miträtseln. Schließlich ist die Handlung ein wenig wirr zusammengestellt. Immer wieder gibt es Fragmente von Motiven, die aber wenig erhellen, sondern von mir nur mit einem emotionalen Kopfnicken zur Kenntnis genommen wurden. Am Ende wird es schon einen Sinn ergeben, dachte ich mir. Der wirklich spannende Aspekt, den Branagh der Figur Hercule Poirot hinzufügt, ist der Selbstzweifel. Die Frage, ob das Aufklären eines Falles immer gleichbedeutend mit Gerechtigkeit ist. Diese Fragestellung hätte mich noch deutlich mehr interessiert.

Insgesamt ist es eine schöne Zugfahrt mit interessanten Leuten. Ich hatte Spaß an dieser nostalgischen Reise im Speisewagen quer durch Europa. Die Aufklärung des Kriminalfalls geriet da schon fast zur Nebensache.

 

 

Bildrechte: 20th Century Fox